Verletzungsprävention im Profisport ist ein laufender Prozess
Verletzungsprävention besteht nicht aus einer einzelnen Übung, einem Screening oder einem Gerät. Sie ist ein wiederkehrender Prozess, der Verletzungsdaten, medizinische Untersuchung, Training, Regeneration, Kommunikation und die tatsächlichen Anforderungen der Sportart verbindet.
Das Team-sport Injury Prevention Cycle Modell beschreibt Prävention als Folge von erneuter Bewertung, Identifikation und Intervention [1]. Für Vereine und Profisportler bedeutet das: Maßnahmen sollten regelmäßig überprüft und an neue Verletzungsmuster angepasst werden.
Welche Faktoren beeinflussen die Verletzungswahrscheinlichkeit?
- frühere Verletzungen und unvollständige Rehabilitation,
- abrupte Steigerungen von Training oder Spielbelastung,
- hohe Sprint-, Sprung- oder Kontaktbelastung,
- mangelnde Regeneration und Schlaf,
- Reisen und Spielplanverdichtung,
- niedrige Energieverfügbarkeit,
- technische oder koordinative Defizite,
- ungeeignete Rückkehrkriterien,
- sowie unklare Kommunikation im Team.
Nicht jeder Risikofaktor führt zwangsläufig zu einer Verletzung. Die Kombination und der zeitliche Verlauf sind entscheidend.
Verletzungsdaten als Grundlage der Prävention
Eine Präventionsstrategie sollte mit einer Beschreibung des tatsächlichen Problems beginnen. Relevante Daten sind Körperregion, Gewebe, Diagnose, Mechanismus, Exposition, Ausfalltage, Trainings- und Spielteilnahme sowie Wiederverletzungen.
Die UEFA Elite Club Injury Study dokumentierte über 18 Spielzeiten mehr als 11.000 zeitverlustende Verletzungen im europäischen Profifußball. Die Gesamtverletzungsraten und Reinjuries sanken, während Muskelverletzungen weiterhin häufig waren [2]. Solche Langzeitdaten zeigen, dass Prävention wirken kann, aber auch, dass einzelne Problemgruppen trotz allgemeiner Fortschritte bestehen bleiben.
Screening sinnvoll einsetzen
Screening kann Hinweise auf Kraftdefizite, Beweglichkeitsprobleme, Instabilität oder asymmetrische Belastung geben. Ein Screening sagt jedoch nicht automatisch voraus, wer sich verletzen wird. Es sollte mit der klinischen Vorgeschichte, dem Training und der tatsächlichen Sportanforderung verbunden werden.
Sinnvolle Fragen sind:
- Welche Verletzungen hatte die Athletin oder der Athlet bereits?
- Welche Bewegungen sind im Sport besonders häufig oder intensiv?
- Wie reagiert der Körper auf die aktuelle Belastung?
- Gibt es Beschwerden, die Training oder Technik verändern?
- Sind Kraft und Geschwindigkeit ausreichend auf die Saison vorbereitet?
Belastungssteuerung und Regeneration
Belastung ist nicht grundsätzlich schädlich. Ein Körper muss belastet werden, um leistungsfähig und belastbar zu bleiben. Problematisch können jedoch schnelle Änderungen, monotone Belastungen und fehlende Erholungsphasen sein.
Im Profisport sollte Load Management externe Daten wie Laufdistanz, Sprintmeter, Beschleunigungen oder Spielminuten mit internen Daten wie RPE, Schlaf, Müdigkeit und Muskelkater verbinden [3].
Starre Grenzwerte können eine individuelle Beurteilung nicht ersetzen. Aktuelle methodische Arbeiten warnen davor, einfache Belastungsregeln oder ACWR-Grenzen ohne ausreichende Evidenz als automatische Einsatzentscheidung zu nutzen [4].
Prävention nach einer Verletzung
Die sekundäre und tertiäre Prävention beginnt bereits während der Rehabilitation. Neben der Heilung müssen die Anforderungen der Sportart wieder aufgebaut werden.
Ein sinnvoller Verlauf kann umfassen:
- medizinische Diagnostik und Schutz der verletzten Struktur,
- Erhalt von Beweglichkeit und allgemeiner Fitness,
- progressiver Kraftaufbau,
- Lauf-, Sprung- oder Wurfbelastung,
- sportartspezifische Aufgaben,
- Belastung unter Ermüdung,
- schrittweise Rückkehr in Training und Wettkampf,
- fortgesetztes Präventionstraining nach der Freigabe.
Gerade in den ersten Wochen nach Return to Play kann das Risiko einer weiteren Verletzung erhöht sein [5]. Die Überwachung sollte deshalb nach der ersten Trainingsteilnahme weiterlaufen.
Gesundheitsmanagement umfasst mehr als Muskeln und Gelenke
Profisportler sind nicht nur von orthopädischen Verletzungen betroffen. Infekte, Schlafstörungen, mentale Belastungen, Erschöpfung, Ernährungsprobleme und Medikamentenfragen können Training und Wettkampf ebenfalls beeinflussen.
Ein integriertes Gesundheitsmodell verbindet medizinische und sportliche Betreuung, ohne klinische Verantwortung aufzulösen [6]. Der medizinische Bereich sollte dabei Zugang zu relevanten Informationen haben, aber die Vertraulichkeit und Einwilligung der Athletinnen und Athleten schützen.
Prävention im Verein organisieren
Eine wirksame Vereinsstruktur braucht:
- eine verantwortliche medizinische Leitung,
- definierte Abläufe für Akutverletzungen,
- standardisierte Dokumentation,
- konkrete Return-to-Training- und Return-to-Play-Kriterien,
- regelmäßige Besprechungen von Medizin, Athletik und Coaching,
- strukturierte Übergaben bei Vereins- oder Verbandswechsel,
- sowie eine jährliche Überprüfung der Verletzungsdaten.
Studien aus dem Profifußball zeigen, dass Teamprozesse und Besprechungsqualität mit Player Availability zusammenhängen können [7]. Die Untersuchung war auf einen Verein begrenzt und beweist keine Kausalität. Sie unterstützt jedoch die praktische Bedeutung konkreter Kommunikation.
Verletzungsprävention in München
PD Dr. med. Daniel Berthold unterstützt die sportorthopädische Untersuchung, Diagnostik und Therapieplanung bei akuten Verletzungen, Überlastungsproblemen und wiederkehrenden Beschwerden. Für Vereine kann die Beratung einzelne Fälle oder den Aufbau konkreter medizinischer Abläufe betreffen.
OrthoCenter München Maximilianstraße 10, 80539 München Telefon: +49 89 461 34 53 0 E-Mail: info@ortho-center.eu
Häufige Fragen
Kann Prävention alle Verletzungen verhindern?
Nein. Verletzungen lassen sich nicht vollständig ausschließen. Ziel ist, beeinflussbare Risiken zu erkennen, Belastung passend zu steuern und die Folgen einer Verletzung zu begrenzen.
Ist ein Screening vor der Saison ausreichend?
Ein einmaliges Screening kann eine Momentaufnahme liefern. Belastung, Beschwerden und Leistungsfähigkeit verändern sich während der Saison. Prävention sollte deshalb fortlaufend erfolgen.
Welche Rolle spielt Schlaf?
Schlaf beeinflusst Regeneration, Wahrnehmung von Belastung und Leistungsfähigkeit. Er sollte im Gesundheitsmanagement berücksichtigt werden, ersetzt aber keine medizinische Untersuchung oder Belastungsanalyse.
Die Inhalte dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle ärztliche Untersuchung oder Therapieentscheidung.
References
[1] J. O’Brien, C. Finch, R. Pruna, and A. McCall, “A new model for injury prevention in team sports: the Team-sport Injury Prevention (TIP) cycle,” Sep. 12, 2018. doi: 10.1080/24733938.2018.1512752.
[2] J. Ekstrand, A. Spreco, H. Bengtsson, and R. Bahr, “Injury rates decreased in men’s professional football: an 18-year prospective cohort study of almost 12 000 injuries sustained during 1.8 million hours of play,” British Journal of Sports Medicine, vol. 55, pp. 1084–1091, Feb. 2021, doi: 10.1136/bjsports-2020-103159.
[3] P. Bourdon et al., “Monitoring Athlete Training Loads: Consensus Statement.” International journal of sports physiology and performance, vol. 12 Suppl 2, pp. S2161–S2170, Apr. 2017, doi: 10.1123/IJSPP.2017-0208.
[4] S. W. West, I. Shrier, F. Impellizzeri, J. Clubb, P. Ward, and G. Bullock, “Training-Load Management Ambiguities and Weak Logic: Creating Potential Consequences in Sport Training and Performance.” International journal of sports physiology and performance, pp. 1–4, Sep. 2024, doi: 10.1123/ijspp.2024-0158.
[5] J. Stares et al., “Subsequent Injury Risk Is Elevated Above Baseline After Return to Play: A 5-Year Prospective Study in Elite Australian Football,” The American Journal of Sports Medicine, vol. 47, pp. 2225–2231, Jun. 2019, doi: 10.1177/0363546519852622.
[6] H. Dijkstra, N. Pollock, R. Chakraverty, and J.-M. Alonso, “Managing the health of the elite athlete: a new integrated performance health management and coaching model,” British Journal of Sports Medicine, vol. 48, pp. 523–531, Mar. 2014, doi: 10.1136/bjsports-2013-093222.
[7] K. Odetoyinbo and C. D. McKay, “Performance and healthcare team processes and structure impact player availability in professional men’s football,” BMJ Open Sport & Exercise Medicine, vol. 11, Jul. 2025, doi: 10.1136/bmjsem-2025-002664.




