Rockwood ist der Ausgangspunkt
Der Grad beschreibt die Verletzung, ersetzt aber nicht die klinische Funktionsprüfung.
AC-Gelenk · Rockwood · Sportorthopädie
Eine AC-Gelenksprengung kann auf dem Röntgenbild ausgeprägt aussehen und trotzdem langfristig eine sehr gute Schulterfunktion erlauben. Umgekehrt können vergleichsweise unscheinbare Befunde bei Sport, Überkopfbewegungen oder körperlicher Arbeit anhaltende Beschwerden verursachen.
Deshalb sollte die Behandlungsentscheidung nicht allein vom sichtbaren „Hochstand“ des Schlüsselbeins oder vom Rockwood-Grad abhängen. Entscheidend ist, ob die Verletzung tatsächlich eine funktionell relevante Instabilität verursacht – vertikal, horizontal oder rotatorisch – und wie sich Schulter und Schulterblatt unter Belastung verhalten.
Gerade bei Rockwood-III-Verletzungen ist diese Unterscheidung wichtig: Nicht jede vollständige Bandsprengung muss operiert werden.
Autor und medizinisch verantwortlichPD Dr. med. Daniel P. BertholdFacharzt für Orthopädie und UnfallchirurgieInhaltlich aktualisiert am

Das Wichtigste in Kürze
Medizinisch unterscheiden
Der Grad beschreibt die Verletzung, ersetzt aber nicht die klinische Funktionsprüfung.
Schulterblattkontrolle, horizontale Instabilität und Belastung sind für Symptome und Therapie zentral.
Zeitpunkt, Gewebeheilung, Voroperationen und Bohrkanäle verändern die Rekonstruktionsstrategie.
AC-Gelenk-Entscheidungsfinder
Nicht der Rockwood-Grad allein, sondern horizontale Stabilität, Schulterblattfunktion und Belastung entscheiden. Der Check stellt keine Diagnose. Antworten werden weder gespeichert noch übertragen.
Kapitel 01
Das Akromioklavikulargelenk – kurz AC-Gelenk oder Schultereckgelenk – verbindet das äußere Ende des Schlüsselbeins mit dem Schulterdach.
Stabilisiert wird es insbesondere durch zwei Bandkomplexe:
AC-Bänder: wichtig für die horizontale und rotatorische Stabilität.
Korakoklavikuläre Bänder: Conoid- und Trapezoidband stabilisieren vor allem die Verbindung zwischen Schlüsselbein und Schulterblatt in vertikaler Richtung.
Bei einer AC-Gelenksprengung können Gelenkkapsel, AC-Bänder, korakoklavikuläre Bänder und bei höhergradigen Verletzungen auch die umgebenden Weichteilstrukturen geschädigt werden. Dadurch kann das äußere Schlüsselbein gegenüber dem Schulterblatt verschoben erscheinen.
Kapitel 02
Typisch sind Schmerzen direkt über dem Schultereckgelenk. Häufig verstärken sie sich beim Anheben des Arms, bei horizontaler Bewegung des Arms vor dem Körper oder beim Liegen auf der betroffenen Schulter.
Wichtig: Eine sichtbare Fehlstellung und die tatsächliche Schulterfunktion sind nicht dasselbe.
Ein prominentes Schlüsselbein kann dauerhaft sichtbar bleiben, obwohl die Schulter gut funktioniert.
Kapitel 03
Die Rockwood-Klassifikation beschreibt Art und Ausmaß der Verletzung.
Die Bänder sind überdehnt, aber nicht vollständig gerissen. Eine relevante Instabilität besteht nicht. Typische Behandlung: konservativ.
Die AC-Bänder sind verletzt, die korakoklavikulären Strukturen aber noch zumindest teilweise erhalten. Typische Behandlung: konservativ.
AC- und korakoklavikuläre Bänder sind vollständig verletzt. Es besteht eine vertikale Instabilität; eine zusätzliche horizontale oder rotatorische Instabilität kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Typische Behandlung: individuelle Entscheidung – häufig zunächst konservativ.
Das äußere Schlüsselbein ist nach hinten verlagert. Typische Behandlung: spezialisierte operative Beurteilung.
Ausgeprägte vertikale Fehlstellung mit weitergehender Weichteilverletzung. Typische Behandlung: häufig operative Beurteilung; die Entscheidung sollte dennoch patientenindividuell erfolgen.
Sehr seltene schwere Fehlstellung. Typische Behandlung: meist operative Stabilisierung.
Kapitel 04
Die Rockwood-Klassifikation ist hilfreich, bildet aber nicht die gesamte Funktion des AC-Gelenks ab.
Besteht zusätzlich zur vertikalen Instabilität eine symptomatische horizontale oder rotatorische Instabilität?
Eine solche Instabilität kann bei normalen Röntgenaufnahmen unterschätzt werden.
Auch die vorgeschlagene Unterteilung von Rockwood III in IIIA und IIIB sollte nicht isoliert als Operationsentscheidung verwendet werden. Entscheidend bleibt die Kombination aus klinischem Befund, Schulterblattfunktion, Beschwerden und Belastungsanforderungen.
Kapitel 05
Die Untersuchung sollte nicht nur prüfen, ob das Schlüsselbein sichtbar hochsteht. Relevant sind unter anderem:
Besonders bei chronischen Beschwerden muss geprüft werden, ob das AC-Gelenk tatsächlich die Ursache der Beschwerden ist.
Eine beidseitige Zanca-Aufnahme ist für die Beurteilung der vertikalen Instabilität besonders hilfreich. Der Vergleich mit der Gegenseite erlaubt eine bessere Einordnung des korakoklavikulären Abstandes als die alleinige Betrachtung der verletzten Schulter.
Die horizontale Instabilität ist schwieriger abzubilden. Hier können zusätzliche Spezialaufnahmen hilfreich sein; gleichzeitig bleibt die klinische Untersuchung besonders wichtig.
Nein, nicht jede AC-Gelenksprengung benötigt ein MRT.
Bei einer typischen akuten Verletzung kann eine korrekt durchgeführte Röntgendiagnostik zusammen mit der klinischen Untersuchung bereits ausreichend sein.
Ein MRT kann sinnvoll werden bei:
Vor einer Revision können zusätzlich CT beziehungsweise 3-D-CT relevant werden, beispielsweise zur Beurteilung von Bohrkanälen, Knochenverlust oder implantatbezogenen Problemen.
Mehr Bildgebung bedeutet dabei nicht automatisch eine bessere Therapieentscheidung.
Kapitel 06
Nein. Eine AC-Gelenksprengung ist nicht automatisch eine Operationsindikation.
Die wissenschaftliche Vergleichsevidenz zeigt insbesondere für Rockwood III keinen überzeugenden langfristigen funktionellen Vorteil einer routinemäßigen sofortigen Operation gegenüber einer konservativen Behandlung. Auch für gemischte Gruppen höhergradiger Verletzungen zeigen randomisierte Daten langfristig häufig vergleichbare patientenberichtete Ergebnisse.
… die Operationsindikation im Wesentlichen nur mit dem Rockwood-Grad oder dem sichtbaren Hochstand des Schlüsselbeins begründet wird.
Die entscheidende Frage lautet nicht: „Sieht das Gelenk normal aus?“ Sondern: „Funktioniert der Schultergürtel unter den individuellen Anforderungen stabil und schmerzarm?“
Kapitel 07
Bei leichten Verletzungen und vielen Rockwood-III-Verletzungen ist die konservative Behandlung die erste Strategie.
Zu Beginn können eine kurzzeitige Entlastung und eine Armschlinge die Schmerzen reduzieren. Danach sollte die Schulter schrittweise wieder bewegt werden.
Im weiteren Verlauf stehen im Vordergrund:
1. Wiederherstellung einer schmerzarmen Beweglichkeit.
2. Kontrolle der Schulterblattbewegung.
3. Aufbau der Schulter- und Schultergürtelmuskulatur.
4. Wiederherstellung von Kraft und Belastbarkeit.
5. Sport- oder berufsspezifisches Training.
Die Rehabilitation sollte nicht allein nach Kalender gesteuert werden. Schmerzen, Bewegungsqualität, Schulterblattkontrolle, Kraft und Reaktion auf zunehmende Belastung sind aussagekräftiger als eine starre Zahl von Wochen.
Kapitel 08
Ziel einer Operation ist es, die funktionell relevante Instabilität des Schultergürtels zu korrigieren.
Dabei sollte nicht ausschließlich die vertikale Stellung des Schlüsselbeins betrachtet werden.
Je nach Verletzung können korakoklavikuläre Stabilisierung, Rekonstruktion beziehungsweise Reparatur der AC-Strukturen und zusätzliche Verfahren zur Kontrolle horizontaler oder rotatorischer Instabilität kombiniert werden.
In der frühen Phase besteht noch ein biologisches Heilungspotenzial der verletzten Bandstrukturen. Bei entsprechenden Operationsindikationen werden heute häufig arthroskopisch assistierte oder offene anatomisch orientierte Stabilisierungsverfahren eingesetzt.
Bei länger bestehender symptomatischer Instabilität reicht eine reine mechanische Reposition häufig nicht aus. Dann kann eine anatomische Bandrekonstruktion mit Sehnentransplantat sinnvoll sein. Besonders wichtig ist, sowohl die korakoklavikuläre als auch die horizontale beziehungsweise rotatorische Stabilität des AC-Gelenks zu berücksichtigen.
Kapitel 09
Eine eindeutig überlegene Operationstechnik für alle Patienten gibt es nach aktueller Datenlage nicht.
Unterschiedliche Verfahren können gute Ergebnisse erreichen. Entscheidend sind vielmehr:
Mögliche Risiken einer Stabilisierung sind unter anderem Repositionsverlust, persistierende Instabilität, Materialprobleme, Infektion, Frakturen, Tunnelaufweitung, heterotope Ossifikation und notwendige Folgeeingriffe.
Kapitel 10
Traditionell wird etwa die Grenze von drei Wochen genutzt, um zwischen akuten und chronischen Verletzungen zu unterscheiden. Diese Grenze hilft bei der Operationsplanung, ist aber kein starres biologisches Ablaufdatum.
Eine Vorstellung nach mehreren Wochen bedeutet nicht automatisch, dass keine sinnvolle Therapie mehr möglich ist.
Bei chronischen Beschwerden ist vielmehr entscheidend:
1. Besteht wirklich eine symptomatische Instabilität?
2. Liegt eine horizontale oder rotatorische Instabilität vor?
3. Wurde eine strukturierte Rehabilitation ausreichend durchgeführt?
4. Welches funktionelle Defizit soll durch eine Operation verbessert werden?
Kapitel 11
Vor einer erneuten Operation sollte nicht einfach dasselbe Verfahren wiederholt werden. Sinnvoll ist eine strukturierte Fehleranalyse.
Dabei können unter anderem untersucht werden:
Gerade vor einer Revision ist eine unabhängige Beurteilung deshalb besonders sinnvoll.
Kapitel 12
Bei chronischer AC-Gelenk-Instabilität muss zwischen zwei völlig unterschiedlichen Begriffen unterschieden werden.
Eine biologische Bandrekonstruktion bezeichnet häufig die operative Rekonstruktion mit einem Sehnentransplantat. Das ist nicht dasselbe wie eine PRP-, ACP-, Hyaluronsäure- oder Zellinjektion.
Für Injektionsverfahren besteht derzeit kein belastbarer Nachweis, dass sie eine relevante mechanische AC-Gelenk-Instabilität stabilisieren oder eine notwendige Bandrekonstruktion ersetzen können. Sie sollten deshalb nicht als Ersatz für eine notwendige mechanische Stabilisierung oder eine strukturierte Rehabilitation dargestellt werden.
Kapitel 13
Die Rückkehr zum Sport sollte nicht allein nach einer bestimmten Anzahl von Wochen erfolgen.
Sinnvolle Kriterien sind:
Die Anforderungen unterscheiden sich erheblich. Ein Läufer benötigt eine andere Schulterfunktion als ein Tennisspieler, Handballer, CrossFit-Athlet, Radfahrer oder Kontaktsportler.
Deshalb sollte zwischen Return to Activity, Return to Sport und Return to Performance unterschieden werden.
Kapitel 14
Eine spezialisierte Zweitmeinung kann besonders hilfreich sein, wenn:
Wenn vorhanden:
Gerade bei Bildgebung ist die Beurteilung der Originalbilder häufig aussagekräftiger als ein schriftlicher Befund allein.
Kapitel 15
Bei einer AC-Gelenksprengung entscheidet nicht allein die Höhe des Schlüsselbeins über die Therapie. Entscheidend ist, ob vertikale und horizontale Stabilität, Schulterblattfunktion, Beschwerden und die individuellen Belastungsanforderungen miteinander vereinbar sind.
PD Dr. med. Daniel P. Berthold beschäftigt sich klinisch und wissenschaftlich mit AC-Gelenk-Instabilitäten sowie mit primären und fehlgeschlagenen Rekonstruktionen. Mehrere seiner wissenschaftlichen Arbeiten untersuchen Behandlungsalgorithmen, Instabilitätsmechanismen und Ursachen des Versagens nach AC-Gelenk-Stabilisierungen.
Kapitel 16
Wenn Ihnen eine Operation empfohlen wurde oder nach einer AC-Gelenkverletzung weiterhin Beschwerden bestehen, kann eine strukturierte Zweitbeurteilung klären:
Die richtige Frage lautet nicht einfach „Operation ja oder nein?“, sondern welche Behandlung für den konkreten Befund und Ihre persönlichen Ziele medizinisch sinnvoll ist.
Kapitel 17
Nein. Rockwood III ist keine automatische Operationsindikation. Viele Patienten erreichen mit einer strukturierten konservativen Behandlung eine sehr gute Funktion. Eine Operation sollte insbesondere dann diskutiert werden, wenn eine klinisch relevante Instabilität und bleibende Funktionseinschränkung bestehen.
Nicht zwangsläufig. Rockwood V wird häufig operativ beurteilt, weil eine ausgeprägte Instabilität und Weichteilverletzung vorliegt. Die aktuelle Vergleichsevidenz zeigt jedoch, dass auch höhergradige Verletzungen nicht ausschließlich anhand des Röntgenbildes beurteilt werden sollten.
Das kann passieren. Nach einer konservativ behandelten höhergradigen Verletzung kann das äußere Schlüsselbein sichtbar prominent bleiben. Eine sichtbare Stufe bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Schulter funktionell eingeschränkt ist.
Bei niedriggradigen Verletzungen können die geschädigten Strukturen unter konservativer Behandlung gut ausheilen. Bei vollständiger Bandruptur bleibt die anatomische Stellung häufig verändert. Trotzdem kann eine sehr gute funktionelle Stabilität erreicht werden.
Meist nicht zwingend. Klinische Untersuchung und geeignete Röntgenaufnahmen reichen bei typischen Verletzungen häufig aus. Ein MRT wird insbesondere bei unklaren Beschwerden oder Verdacht auf Begleitverletzungen interessant.
Schmerz und radiologische Stellung korrelieren nicht immer. Eine verbliebene horizontale oder rotatorische Instabilität, eine gestörte Schulterblattbewegung oder andere Begleitprobleme können Beschwerden verursachen.
Ja. Auch chronische symptomatische Instabilitäten können rekonstruiert werden. Häufig unterscheidet sich das Operationsverfahren jedoch von der Akutversorgung; bei chronischen Fällen kann beispielsweise ein Sehnentransplantat erforderlich sein.
PRP kann eine mechanisch relevante Bandinstabilität nach aktueller Evidenz nicht zuverlässig stabilisieren und ersetzt keine notwendige Rekonstruktion. Entscheidend ist zunächst, ob überhaupt eine mechanische Instabilität Ursache der Beschwerden ist.
Das hängt von Verletzungsgrad, Behandlung, Sportart und funktioneller Erholung ab. Statt einer einzelnen Wochenzahl sollten Beweglichkeit, Kraft, Schulterblattkontrolle, Schmerzfreiheit und sportartspezifische Belastbarkeit beurteilt werden.
Vor einer erneuten Operation sollte geklärt werden, warum die erste Stabilisierung nicht ausreichend funktioniert hat. Dazu gehören insbesondere Instabilitätsrichtung, Bohrkanäle, Knochenqualität, Implantate, Repositionsverlust, erneutes Trauma und die ursprüngliche Operationsindikation.
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Meine persönliche Einordnung
Originalbilder, Untersuchung, Funktion, Verlauf und Ihr persönliches Alltags-, Berufs- oder Sportziel werden gemeinsam beurteilt.
Aktive Rehabilitation und Belastungssteuerung bilden bei vielen Schulterproblemen die Grundlage.
PRP, Hyaluronsäure, Stoßwelle oder weitere Verfahren können je nach Diagnose ein aktives Behandlungskonzept unterstützen.
Ein Eingriff wird erwogen, wenn eine konkret behandelbare Struktur die relevante Einschränkung erklärt.
Mitbringen: Original-MRT-, CT- oder Röntgendaten, radiologischen Befund, frühere Aufnahmen und Operationsberichte sowie eine kurze Übersicht der bisherigen Behandlung.
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Im Termin besprechen wir Rehabilitation, mögliche Zusatzbehandlungen und die Frage, ob ein Eingriff medizinisch sinnvoll ist.