Fragestellung
Die konkrete offene Entscheidung wird vor der Befundprüfung konkret benannt.
Verletzungen der langen Bizepssehne
Verletzungen der langen Bizepssehne: verständliche Informationen, fachliche Einordnung und passende nächste Schritte.

Kurz eingeordnet
Entscheidungshilfe
Ist die bisherige Empfehlung schlüssig, oder sollte Diagnostik, konservative Behandlung beziehungsweise Operationsstrategie präzisiert werden?
Meine persönliche Einordnung
Ich nutze die Zweitmeinung zu Verletzungen der langen Bizepssehne: Zweitmeinung zu Ruptur, Tenodese und PRP nicht, um automatisch zu widersprechen. Ich prüfe, ob Befunde, Funktion, bisheriger Verlauf und persönliches Ziel eine verständliche gemeinsame Entscheidung ergeben.
Die konkrete offene Entscheidung wird vor der Befundprüfung konkret benannt.
Bildgebung, Untersuchung, Beschwerden und tatsächliche Einschränkung werden zusammen beurteilt.
Behandlungen, Reaktion und Belastungsentwicklung zeigen, welche Wege bereits sinnvoll erprobt wurden.
Alltag, Beruf, Sport und verfügbare Rehabilitation bestimmen, welche Option praktisch passt.
Behandlungswege
Passt eher, wenn: Diagnose, Ziel und vorgeschlagener Weg passen verständlich zusammen.
Dann klären: Ablauf, Erfolgskriterien und Rehabilitation konkretisieren.
Passt eher, wenn: Eine aktive oder indikationsbezogene biologische Behandlung bietet noch sinnvolles Potenzial.
Dann klären: Maßnahmen mit einem konkreten Ziel, Zeitraum und Verlaufskriterien festlegen.
Passt eher, wenn: Befund und Beschwerden passen noch nicht ausreichend zusammen oder mehrere Verfahren sind vertretbar.
Dann klären: Offene Informationen ergänzen und Alternativen direkt vergleichen.
Unterlagen
Arztgespräch
Verletzungen der langen Bizepssehne können Schmerzen an der Vorderseite der Schulter, Kraftverlust, Schnappen oder eine sichtbare Veränderung des Oberarms verursachen. Das Spektrum reicht von einer Überlastungsreaktion und Teilverletzung über eine Instabilität der Sehne bis zum vollständigen proximalen Riss.
Die lange Bizepssehne ist jedoch häufig gemeinsam mit einer Rotatorenmanschettenverletzung, einer Läsion des oberen Labrums oder einer Schädigung der Bizeps-Pulley betroffen. Deshalb beweist ein auffälliger MRT-Befund allein noch nicht, dass die Bizepssehne die Hauptursache der Beschwerden ist [1], [2].
Eine orthopädische Zweitmeinung sollte daher mehrere Fragen zusammenführen:
Der Bizepsmuskel besitzt zwei Ursprungssehnen. Die kurze Bizepssehne entspringt am Rabenschnabelfortsatz. Die lange Bizepssehne beginnt am oberen Rand der Gelenkpfanne und am angrenzenden oberen Labrum. Sie verläuft durch das Schultergelenk und anschließend in der knöchernen Bizepsrinne des Oberarms [1].
Die lange Bizepssehne steht über die sogenannte Bizeps-Pulley mit der Rotatorenmanschette und der Gelenkkapsel in Verbindung. Diese Strukturen halten die Sehne in ihrer Rinne. Verletzungen der Subscapularissehne oder der Pulley können deshalb zu einer Subluxation oder Luxation der Bizepssehne führen.
Eine proximale Verletzung der langen Bizepssehne an der Schulter darf nicht mit einem distalen Bizepsriss am Ellenbogen verwechselt werden. Beim distalen Riss stehen häufig deutliche Einbußen der Unterarmsupination und der Ellenbogenbeugung im Vordergrund; die Behandlung folgt anderen Regeln [3], [4].
Die Erkrankungen der langen Bizepssehne lassen sich vereinfacht in entzündlich-degenerative, instabilitätsbedingte und traumatische Formen einteilen [1].
| Verletzung oder Erkrankung | Typischer Befund | Häufige Zusammenhänge |
|---|---|---|
| Tendinopathie oder Tenosynovitis | Verdickte, gereizte oder degenerativ veränderte Sehne | Überkopfbelastung, Rotatorenmanschette, Impingement |
| Teilriss | Auffaserung oder Teildefekt der Sehne | Rotatorenmanschettenriss, Alter, Überlastung |
| Subluxation oder Luxation | Sehne gleitet teilweise oder vollständig aus der Bizepsrinne | Subscapularis- oder Pulley-Verletzung |
| Kompletter proximaler Riss | Sehne reißt am Ursprung oder im Verlauf und zieht nach unten | Degeneration, Trauma, Rotatorenmanschettenpathologie |
| SLAP-Läsion | Verletzung des oberen Labrums am Bizepsanker | Zugtrauma, Wurfsport, Sturz, wiederholte Überkopfbewegung |
Nicht jede dieser Veränderungen verursacht Beschwerden. Besonders degenerative Sehnen- und Labrumbefunde können auch bei Personen ohne relevante Schmerzen vorkommen. Für die Therapieentscheidung ist deshalb die Verbindung aus Anamnese, Untersuchung, Bildgebung und Funktionsverlust wichtiger als ein einzelnes Bildsignal.
Bei einer Erkrankung der langen Bizepssehne treten häufig Schmerzen an der Vorderseite der Schulter auf. Die Beschwerden können in den vorderen Oberarm ausstrahlen und bei Überkopfbewegungen, Heben, Zugbelastungen oder wiederholtem Beugen des Ellenbogens zunehmen [1], [2].
Typische Beschwerden sind:
Ein plötzlich sichtbarer Popeye-Befund spricht für einen kompletten proximalen Riss, beweist aber nicht, dass eine Operation erforderlich ist. Manche Betroffene kommen trotz der sichtbaren Veränderung mit einer konservativen Behandlung gut zurecht. Andere leiden vor allem unter Krämpfen, Belastungsschmerzen oder einer hohen körperlichen Anforderung.
Ein kompletter Riss der langen Bizepssehne kann durch ein plötzliches Trauma entstehen. Häufig liegt jedoch bereits eine degenerativ vorgeschädigte Sehne vor. Ein relativ geringes Ereignis kann dann den Zeitpunkt markieren, an dem die Sehne endgültig versagt.
Für eine eher traumatische Ursache sprechen insbesondere:
Bei einer degenerativen Entwicklung bestehen dagegen oft bereits länger Beschwerden, eine Rotatorenmanschettenpathologie oder eine zunehmende Belastungsintoleranz. Eine vorherige Beschwerdefreiheit ist ein wichtiges Indiz, beweist aber nicht, dass die Sehne vollständig gesund war.
Für eine medizinische Zweitmeinung müssen Unfallhergang, Erstbefund, Bildgebung, Vorschäden und Verlauf gemeinsam bewertet werden. Die Bezeichnung „Unfallriss“ oder „Spontanruptur“ sollte nicht allein aus dem zeitlichen Zusammenhang abgeleitet werden.
Bei der klinischen Untersuchung werden häufig der Speed-Test und der Yergason-Test verwendet. Sie können Schmerzen im Bereich der Bizepssehne auslösen, sind jedoch nicht spezifisch genug, um allein eine Bizepssehnenverletzung zu beweisen oder auszuschließen [1], [5].
Zur Untersuchung gehören deshalb zusätzlich:
Ein positiver Provokationstest ist vor allem dann bedeutsam, wenn er mit dem typischen Schmerzbild, einem passenden Bildbefund und einer funktionellen Einschränkung übereinstimmt. Ein isoliert positives Testergebnis sollte keine Operation auslösen.
Ein qualitätsgesicherter muskuloskelettaler Ultraschall kann die lange Bizepssehne dynamisch untersuchen. Das ist besonders hilfreich, wenn eine Subluxation oder Luxation vermutet wird. Vollständige Risse und Lageveränderungen lassen sich meist zuverlässig erkennen. Bei partiellen Rissen und einer reinen Tendinopathie ist die Empfindlichkeit dagegen begrenzt [6].
Der Ultraschall hat mehrere praktische Vorteile:
Ein negativer Ultraschall schließt einen kleinen Teilriss nicht sicher aus. Bei anhaltenden Beschwerden muss deshalb der gesamte klinische Befund berücksichtigt werden.
Das MRT beurteilt die lange Bizepssehne zusammen mit Rotatorenmanschette, Labrum, Knorpel, Gelenkkapsel und Knochen. Es ist besonders wichtig, wenn ein Teilriss, eine SLAP-Läsion, eine Pulley-Verletzung oder eine Begleitverletzung vermutet wird.
Auch das MRT hat Grenzen. In einer großen Studie erhöhte die Bewertung von mindestens zwei auffälligen Zeichen – Durchmesseränderung, Konturunregelmäßigkeit oder Signalveränderung – die diagnostische Genauigkeit. Die Sensitivität lag bei 77,9 %, die Spezifität bei 93,7 % [7]. Ein einzelnes Signal kann unter anderem durch technische Effekte fehlinterpretiert werden.
Bei partiellen Rissen kann die Schichtführung entscheidend sein. In einer Studie erreichten radiale MRT-Schnitte eine Sensitivität von 84 % und eine Spezifität von 90 %, während konventionelle Schnitte eine Sensitivität von 52 % und eine Spezifität von 94 % erreichten. Die Untersuchung war jedoch retrospektiv und an einem einzelnen Zentrum durchgeführt [8].
| Befund | Geeignete Untersuchung | Wichtige Grenze |
|---|---|---|
| Kompletter proximaler Riss | Klinische Untersuchung, Ultraschall, MRT | Begleitende Rotatorenmanschettenverletzung muss mitbeurteilt werden |
| Subluxation oder Luxation | Dynamischer Ultraschall, MRT | Statische Bilder können die Instabilität übersehen |
| Partieller Riss | Hochwertiges MRT, gegebenenfalls spezielle Schichtführung, Ultraschall ergänzend | Teilrisse werden in jeder Methode teilweise übersehen |
| SLAP-Läsion | MRT oder MR-Arthrographie plus klinischer Kontext | Labrumveränderungen können asymptomatisch sein |
| Unklarer Schmerzursprung | Klinische Untersuchung und gezielte diagnostische Injektion | Die Injektion kann den Schmerz lokalisieren, ersetzt aber keine Funktionsanalyse |
Die konservative Behandlung ist bei Tendinopathie, vielen Teilrissen und ausgewählten proximalen Komplettrupturen die erste Option. Sie besteht nicht aus reinem Abwarten, sondern aus einer gezielten Kombination von Belastungsanpassung, Schmerzbehandlung und Rehabilitation.
Typische Bestandteile sind:
Die Studienlage zu einzelnen physiotherapeutischen Verfahren ist begrenzt. Eine Scoping-Übersicht fand unterschiedliche Ansätze wie allgemeines Training, exzentrische Übungen, manuelle Therapie, Stoßwelle, Laser, Dry Needling und Dehnung, aber keine einheitlich belegte Standardtherapie [9]. Ein internationaler Delphi-Konsens unterstützt vor allem multimodale Maßnahmen aus Aufklärung, Training und manueller Therapie; dies entspricht jedoch einem Expertenkonsens und nicht dem Nachweis einer überlegenen Einzelmethode [10].
Eine qualifizierte Rehabilitation sollte regelmäßig überprüfen, ob Schmerzen, Beweglichkeit, Kraft und Belastbarkeit tatsächlich besser werden. Eine Bizepssehne kann im MRT weiterhin auffällig aussehen, während die Funktion klinisch ausreichend ist. Umgekehrt kann ein kleiner Befund starke Beschwerden verursachen.
Eine bildgesteuerte Injektion in die Bizepssehnen-Scheide kann in ausgewählten Fällen diagnostisch und therapeutisch genutzt werden. Wenn der typische Schmerz vorübergehend deutlich nachlässt, spricht dies dafür, dass die Bizepssehne an der Schmerzursache beteiligt ist [1].
Die Injektion sollte nicht als Beweis verstanden werden, dass ausschließlich die Bizepssehne erkrankt ist. Eine begleitende Rotatorenmanschetten- oder Labrumverletzung kann weiterhin relevant sein. Wiederholte Injektionen, eine Injektion in die Sehne und eine Injektion kurz vor einer geplanten Operation müssen kritisch abgewogen werden.
Der mögliche Nutzen liegt vor allem in einer vorübergehenden Schmerzlinderung, die eine Rehabilitation erleichtern kann. Eine Kortisoninjektion befestigt keine abgerissene Sehne und beseitigt keine mechanische Instabilität.
PRP und ACP werden bei Sehnenbeschwerden mit dem Ziel eingesetzt, Schmerzen zu reduzieren und biologische Heilungsprozesse zu unterstützen. Für die lange Bizepssehne liegen kleinere klinische Studien mit positiven Ergebnissen vor; wie groß der Zusatznutzen im Einzelfall ist, hängt von Befund, Präparat und Rehabilitationskonzept ab.
Ein kleines randomisiertes Verfahren mit 32 Athleten und Bizepssehnen-Tendinopathie verglich eine ultraschallgesteuerte PRP-Injektion mit Kortison. Beide Gruppen erhielten zusätzlich ein Rehabilitationsprogramm. Kortison war kurzfristig nach vier und zwölf Wochen günstiger; nach 24 Wochen schnitt PRP in den untersuchten Schmerz- und Funktionswerten besser ab. Die kleine Stichprobe, die Auswahl sportlich aktiver Personen und die begrenzte Übertragbarkeit schränken die Aussagekraft ein [11].
Daraus folgt für die Zweitmeinung:
Bei einer Tendinopathie oder einem Teilriss kann PRP ergänzend zu einem konkreten Rehabilitationsplan erwogen werden. Bei einem mechanischen Riss, einer Instabilität oder einer ausgeprägten SLAP-Läsion muss zunächst die strukturelle Situation geklärt werden.
Eine Operation kommt vor allem infrage, wenn die Beschwerden trotz angemessener konservativer Behandlung anhalten, ein mechanischer Schaden vorliegt oder die persönlichen Belastungsziele mit einer konservativen Behandlung voraussichtlich nicht erreicht werden.
Für eine operative Zweitmeinung sprechen insbesondere:
Die Entscheidung darf nicht allein vom Alter abhängen. Ebenso wichtig sind Sehnenqualität, Unfallmechanismus, Begleitverletzungen, Beruf, Sportart, Kraftanforderungen, kosmetische Erwartungen und die Bereitschaft zur Nachbehandlung.
Bei der Tenotomie wird die lange Bizepssehne arthroskopisch durchtrennt. Der erkrankte Sehnenanteil zieht sich zurück und muss nicht am Oberarmknochen fixiert werden.
Bei der Tenodese wird die Sehne ebenfalls am Ursprung gelöst, anschließend aber an einer neuen Stelle am Oberarmknochen befestigt. Ziel ist, die Länge und Spannung des Bizeps besser zu erhalten und eine sichtbare Verformung zu vermeiden.
| Verfahren | Mögliche Vorteile | Wichtige Nachteile oder Risiken |
|---|---|---|
| Tenotomie | Technisch einfach, kürzere Operationszeit, keine Knochenfixierung, meist schnellere Nachbehandlung | Höheres Risiko eines Popeye-Zeichens, mögliche Krämpfe oder Belastungsbeschwerden |
| Tenodese | Geringeres Risiko einer sichtbaren Deformität, Erhalt der Sehnenlänge, häufig bevorzugt bei jüngeren oder körperlich aktiven Personen | Längere Schutzphase, Fixationsversagen, Restschmerz in der Bizepsrinne, selten Fraktur oder Nervenprobleme |
| SLAP-Reparatur | Erhalt des Bizepsankers bei ausgewählten jüngeren Athleten mit instabiler Labrumverletzung | Risiko für Steife, anhaltende Beschwerden und Revisionsoperation; nicht jede SLAP-Läsion ist symptomatisch |
Die beste zusammenfassende Evidenz zeigt keinen verlässlich klinisch relevanten Unterschied bei Schmerzen oder patientenberichteter Funktion zwischen Tenotomie und Tenodese. In der GRADE-bewerteten Meta-Analyse waren die funktionellen Ergebnisse vergleichbar; die Sicherheit der Evidenz für die Funktion war allerdings sehr niedrig. Für Schmerzen bestand kein relevanter Vorteil einer Methode [12].
Der deutlichste Unterschied betrifft die Kosmetik. Die Tenodese senkt das Risiko eines Popeye-Zeichens deutlich. In der Meta-Analyse lag die Odds Ratio zugunsten der Tenodese bei 0,29. Gleichzeitig war die Tenotomie im Mittel etwa 15 Minuten kürzer [12].
Bei Patienten mit reparabler Rotatorenmanschettenruptur und begleitender Bizepsläsion trat ein Popeye-Zeichen in einer Meta-Analyse bei etwa 24,3 % nach Tenotomie und 8,6 % nach Tenodese auf. Schmerzen, Krämpfe und Ellenbogenbeugungskraft unterschieden sich dagegen nicht eindeutig [13]. Eine randomisierte Studie fand nach zwei Jahren ebenfalls gute subjektive Ergebnisse mit beiden Verfahren, aber häufiger eine sichtbare Deformität nach Tenotomie [14].
Die Entscheidung lautet deshalb nicht pauschal „Tenodese ist besser“. Die Tenodese ist vor allem dann plausibel, wenn Kosmetik, Kraftanforderungen, körperliche Arbeit oder sportliche Belastung wichtig sind. Bei älteren oder weniger belasteten Personen kann eine Tenotomie wegen der einfacheren Operation und der schnelleren Nachbehandlung angemessen sein.
Ein kompletter proximaler Riss der langen Bizepssehne kann häufig ohne Operation behandelt werden. Das gilt besonders für ältere oder körperlich weniger belastete Personen, die mit einem möglichen Popeye-Zeichen und einer begrenzten Kraftveränderung gut zurechtkommen.
Eine Tenodese kann bei jüngeren oder aktiven Personen diskutiert werden, wenn Schmerzen, Krämpfe, Ermüdung, eine relevante kosmetische Veränderung oder hohe Anforderungen an Beugung und Supination bestehen.
Die Studienlage zu dieser speziellen Situation besteht überwiegend aus Fallserien und retrospektiven Kohorten. In einer kleinen Serie von 18 Männern mit isoliertem traumatischem Riss verbesserten sich ASES-Score und Schmerzen nach offener subpectoraler Tenodese deutlich; alle Patienten kehrten zu Arbeit und Sport zurück. Das Ergebnis ist wegen der kleinen, selektierten Patientengruppe und des fehlenden Vergleichs mit einer konservativen Behandlung nicht als allgemeine Erfolgswahrscheinlichkeit zu verstehen [15].
Eine andere Langzeitstudie mit Patienten nach Tenodese wegen spontaner proximaler Ruptur berichtete bei 27 % anhaltende Bizepskrämpfe, bei 27 % postoperative Komplikationen und bei 17 % Reoperationen. Auch diese Studie war klein und retrospektiv; sie zeigt jedoch, dass eine Tenodese keine Garantie für Beschwerdefreiheit darstellt [16].
Die Tenodese kann arthroskopisch oberhalb des großen Brustmuskels, im Bereich der Bizepsrinne oder offen subpectoral durchgeführt werden. Zur Fixierung kommen unter anderem Interferenzschrauben, Fadenanker, kortikale Buttons oder knöcherne Tunnel infrage.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit beschreibt unterschiedliche Vor- und Nachteile, findet aber keinen überzeugenden klinischen Nachweis, dass eine bestimmte Fixationsmethode für alle Patienten überlegen ist [17].
| Technik | Möglicher Vorteil | Mögliche Grenze |
|---|---|---|
| Arthroskopische oder suprapectorale Tenodese | Keine zusätzliche größere Inzision, oft mit Rotatorenmanschettenoperation kombinierbar | Restsymptome im Bereich der Bizepsrinne möglich, technisch anspruchsvoll |
| Offene subpectorale Tenodese | Entfernung erkrankter Sehnenanteile aus der Bizepsrinne, gute Übersicht bei chronischer oder zurückgezogener Sehne | Zusätzliche Inzision, Risiko für Fraktur, Infektion oder Nervenverletzung |
| Fadenanker oder Button | Unterschiedliche Möglichkeiten zur Spannungs- und Fixationskontrolle | Implantatkosten und technikabhängige Komplikationen |
| Interferenzschraube | Hohe initiale Fixationsstabilität | Fremdkörperreaktion und mögliche Stresskonzentration am Knochen |
Die Wahl sollte an Sehnenqualität, Knochenqualität, chronischem Retraktionsgrad, Begleitoperationen, körperlicher Belastung und Erfahrung des Operateurs ausgerichtet werden. Eine technisch aufwendigere Methode ist nicht automatisch klinisch überlegen.
Eine SLAP-Läsion betrifft das obere Labrum und kann den Ansatz der langen Bizepssehne einschließen. Solche Befunde kommen besonders bei Überkopf- und Wurfsportlern vor, können aber auch nach einem Sturz oder Zugtrauma entstehen.
Die Diagnose ist schwierig, weil Labrumveränderungen im MRT nicht immer Beschwerden verursachen. Bei einer SLAP-Läsion sollten daher Schmerzlokalisation, mechanische Symptome, Instabilitätsgefühl, Sportart, Alter, Begleitbefunde und das Ansprechen auf Rehabilitation gemeinsam beurteilt werden [18], [19].
Die konservative Behandlung umfasst meist:
Bei jüngeren, sehr aktiven Personen mit instabilem Bizepsanker und mechanischen Beschwerden kann eine SLAP-Reparatur erwogen werden. Bei älteren Personen, degenerativem Labrum, gleichzeitiger Rotatorenmanschettenpathologie oder ausgeprägter Bizepssehnenkrankheit wird häufiger eine Behandlung der Bizepssehne, meist eine Tenodese, diskutiert [18]. Starre Altersgrenzen sind jedoch nicht ausreichend; insbesondere bei professionellen Überkopfsportlern bleibt die Entscheidung kontrovers.
Eine systematische Übersicht berichtete hohe Rückkehrraten zu Sport nach SLAP-Reparatur und Tenodese. Die Gruppen waren jedoch unterschiedlich alt und unterschiedlich belastet, sodass daraus keine sichere Überlegenheit einer Methode abgeleitet werden kann [20]. Gerade bei Überkopfsportlern ist die Rückkehr auf das frühere Leistungsniveau weniger verlässlich als eine Rückkehr zu Alltagsaktivitäten [21].
Nach einer Tenotomie ist die Nachbehandlung häufig weniger streng, weil keine knöcherne Einheilung der Sehne abgewartet werden muss. Nach einer Tenodese muss die Fixierung zunächst geschützt werden. In einer Serie nach offener subpectoraler Tenodese wurde eine sechswöchige Ruhigstellung mit anschließender schrittweiser Rehabilitation verwendet [15]. Die konkrete Dauer richtet sich jedoch nach Operationstechnik, Begleitverletzungen und Gewebequalität.
Die Rehabilitation umfasst typischerweise:
Nach einer SLAP-Reparatur oder kombinierten Rotatorenmanschettenoperation kann die Nachbehandlung länger und vorsichtiger sein. Die Freigabe sollte nicht nur anhand der verstrichenen Zeit erfolgen. Beweglichkeit, Kraft, Ermüdungsresistenz, Schmerzreaktion und konkrete Belastungsanforderungen müssen gemeinsam betrachtet werden.
Keine Operationsmethode ist risikofrei. Bei der Zweitmeinung sollten auch die möglichen Nachteile einer empfohlenen Operation konkret besprochen werden.
Anhaltende Beschwerden nach einer Bizepsoperation entstehen nicht immer durch die Bizepssehne selbst. Häufig wurden eine Rotatorenmanschettenverletzung, eine Schultersteife, eine Instabilität oder eine andere Schmerzquelle nicht ausreichend berücksichtigt [1], [22].
Eine orthopädische Zweitmeinung ist besonders hilfreich, wenn:
Verletzungen der langen Bizepssehne bilden ein breites Spektrum von Überlastung und Tendinopathie bis zur vollständigen proximalen Ruptur. Die Beschwerden entstehen häufig zusammen mit einer Rotatorenmanschetten-, Labrum- oder Pulleyverletzung. Deshalb sollte ein auffälliger MRT-Befund immer mit der klinischen Untersuchung und dem tatsächlichen Funktionsverlust abgeglichen werden [1], [2].
Ultraschall ist besonders hilfreich bei vollständigen Rissen und Instabilitäten. Teilrisse können dagegen sowohl im Ultraschall als auch im konventionellen MRT übersehen werden [6], [7], [8].
Die Behandlung beginnt häufig mit Belastungsanpassung, Schmerzbehandlung und einem strukturierten Trainingsprogramm. Eine bildgesteuerte Injektion kann in ausgewählten Fällen diagnostisch oder kurzfristig therapeutisch eingesetzt werden. Für PRP und ACP gibt es erste positive Hinweise, aber noch keine ausreichend belastbare Grundlage für eine allgemeine Standardempfehlung [9], [11].
Wenn eine Operation erforderlich ist, sind Tenotomie und Tenodese wirksame Verfahren. Die Tenodese reduziert vor allem das Risiko einer sichtbaren Popeye-Deformität. Ein konkreter, für alle Patienten relevanter Vorteil bei Schmerzen und Funktion ist dagegen nicht sicher belegt [12], [14]. Bei einer proximalen Ruptur kann eine konservative Behandlung angemessen sein; bei aktiven Personen mit anhaltenden Krämpfen, Schmerzen oder hohen Kraftanforderungen kann eine Tenodese sinnvoll werden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht „Tenotomie, Tenodese oder PRP?“, sondern: Welche Behandlung passt zur tatsächlichen Schmerzquelle, zur strukturellen Verletzung, zur körperlichen Belastung und zu den realistischen Zielen der betroffenen Person?
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Untersuchung, Bildbesprechung oder ärztliche Therapieentscheidung.
[1] S. P. Lalehzarian, A. Agarwalla, and J. N. Liu, “Management of proximal biceps tendon pathology,” World Journal of Orthopedics, vol. 13, pp. 36–57, Jan. 2022, doi: 10.5312/wjo.v13.i1.36.
[2] R. E. Chen and I. Voloshin, “Long Head of Biceps Injury: Treatment Options and Decision Making,” Sports Medicine and Arthroscopy Review, vol. 26, pp. 139–144, Sep. 2018, doi: 10.1097/JSA.0000000000000206.
[3] L. McDonald, C. B. Dewing, P. G. Shupe, and M. Provencher, “Disorders of the proximal and distal aspects of the biceps muscle.” The Journal of bone and joint surgery. American volume, vol. 95 13, pp. 1235–45, Jul. 2013, doi: 10.2106/JBJS.L.00221.
[4] D. Hsu and K.-V. Chang, “Biceps Tendon Rupture,” Nov. 08, 2019.
[5] R. J. Thorsness and A. Romeo, “Diagnosis and Management of the Biceps-Labral Complex.” Instructional course lectures, vol. 66, pp. 65–77, Feb. 2017.
[6] J. L. Ostrowski, A. Beaumont, and E. Dochterman, “Diagnostic Accuracy of Musculoskeletal Ultrasound on Long Head Biceps Tendon Pathologies.” Journal of sport rehabilitation, pp. 1–4, May 2021, doi: 10.1123/jsr.2020-0511.
[7] J. Y. Kim, S. Rhee, and Y. Rhee, “Accuracy of MRI in diagnosing intra-articular pathology of the long head of the biceps tendon: results with a large cohort of patients,” BMC Musculoskeletal Disorders, vol. 20, Jun. 2019, doi: 10.1186/s12891-019-2654-5.
[8] Y. Shibayama et al., “Diagnostic accuracy of magnetic resonance imaging for partial tears of the long head of the biceps tendon in patients with rotator cuff tears,” JSES International, vol. 6, pp. 638–642, Apr. 2022, doi: 10.1016/j.jseint.2022.03.001.
[9] A. McDevitt, J. L. Young, J. A. Cleland, P. Hiefield, and S. J. Snodgrass, “Physical therapy interventions used to treat individuals with biceps tendinopathy: a scoping review.” Brazilian journal of physical therapy, vol. 28 1, pp. 100586, Dec. 2023, doi: 10.1016/j.bjpt.2023.100586.
[10] A. McDevitt, J. Cleland, S. Addison, L. Calderón, and S. Snodgrass, “Physical Therapy Interventions for the Management of Biceps Tendinopathy: An International Delphi Study,” International Journal of Sports Physical Therapy, vol. 17, pp. 677–694, Jun. 2022, doi: 10.26603/001c.35256.
[11] S. A. Singh and A. J. Singh, “Effectiveness of Ultrasound Guided Platelet Rich Plasma Injection in Comparison with Corticosteroid Injection on Improving Pain and Function in the Treatment of Biceps Tendinopathy: A Randomized Controlled Trial,” International Journal of Sports and Exercise Medicine, Nov. 2024, doi: 10.23937/2469-5718/1510268.
[12] A. Hartland, R. Islam, K. H. Teoh, and M. Rashid, “Clinical effectiveness of tenotomy versus tenodesis for long head of biceps pathology: a systematic review and meta-analysis,” BMJ Open, vol. 12, Oct. 2022, doi: 10.1136/bmjopen-2022-061954.
[13] Y. Na et al., “A meta-analysis comparing tenotomy or tenodesis for lesions of the long head of the biceps tendon with concomitant reparable rotator cuff tears,” Journal of Orthopaedic Surgery and Research, vol. 14, Nov. 2019, doi: 10.1186/s13018-019-1429-x.
[14] P. MacDonald et al., “Biceps Tenodesis Versus Tenotomy in the Treatment of Lesions of the Long Head of the Biceps Tendon in Patients Undergoing Arthroscopic Shoulder Surgery: A Prospective Double-Blinded Randomized Controlled Trial,” The American Journal of Sports Medicine, vol. 48, pp. 1439–1449, Mar. 2020, doi: 10.1177/0363546520912212.
[15] C. Waugh, T. Havenhand, and N. Jain, “Open Subpectoral Tenodesis for Isolated Traumatic Long Head of Biceps Tendon Rupture Provides Excellent Functional Outcomes in Active Male Patients,” Cureus, vol. 14, Nov. 2021, doi: 10.7759/cureus.31553.
[16] S. H. B. Monfared, J. Lans, and N. Chen, “Patient Reported Outcomes of Long Head Biceps Tenodesis after Spontaneous Rupture.” The archives of bone and joint surgery, vol. 9 2, pp. 195–202, Sep. 2020, doi: 10.22038/ABJS.2020.48669.2414.
[17] B. Wang et al., “Treatment options for long head of biceps tendon tenodesis,” Frontiers in Surgery, vol. 13, Apr. 2026, doi: 10.3389/fsurg.2026.1753862.
[18] N. N. Verma et al., “Principles of the Superior Labrum and Biceps Complex: An Expert Consensus from the NEER Circle.” Journal of shoulder and elbow surgery, Nov. 2024, doi: 10.1016/j.jse.2024.09.040.
[19] M. D. Charles, D. R. Christian, and B. Cole, “An Age and Activity Algorithm for Treatment of Type II SLAP Tears,” The Open Orthopaedics Journal, vol. 12, pp. 271–281, Jul. 2018, doi: 10.2174/1874325001812010271.
[20] H. Abdul-Rassoul, M. DeFazio, E. J. Curry, J. Galvin, and X. Li, “Return to Sport After the Surgical Treatment of Superior Labrum Anterior to Posterior Tears: A Systematic Review,” Orthopaedic Journal of Sports Medicine, vol. 7, May 2019, doi: 10.1177/2325967119841892.
[21] S. Weber, “Editorial Commentary: Return to Play in Overhead Athletes After Biceps Tenodesis for SLAP Lesions Is Inconsistent.” Arthroscopy : the journal of arthroscopic & related surgery : official publication of the Arthroscopy Association of North America and the International Arthroscopy Association, vol. 39 1, pp. 17–19, Jan. 2023, doi: 10.1016/j.arthro.2022.09.003.
[22] C. R. Mellano, J. J. Shin, A. Yanke, and N. Verma, “Disorders of the long head of the biceps tendon.” Instructional course lectures, vol. 64, pp. 567–76, 2015.
PD Dr. med. Daniel P. BertholdFacharzt · Privatdozent · SportorthopädeAutor und medizinisch verantwortlichPD Dr. med. Daniel P. BertholdFacharzt für Orthopädie und UnfallchirurgieInhaltlich aktualisiert am
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